Pageturner – Dezember 2025: Kein Ende in SichtLiteratur von Marie-Helene Bertino, Behzad Karim Khani und Téa Obreht
30.11.2025 • Kultur – Text: Frank Eckert, Montage: Susann Massute
Eine selbsternannte Alien blickt tieftraurig auf die Welt, ein Migrant strampelt sich im Hochhaus frei und eine Elfjährige bezwingt New York, oder das, was davon übrig ist. Frank Eckert schwenkt den literarischen Suchscheinwerfer auf der Spur nach Licht für die Zukunft.

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Marie-Helene Bertino – Beautyland (Farrar, Straus & Giroux, 2024)
Adine, geboren am Tag als Voyager I die Erdumlaufbahn verlässt, ist ein Alien. Oder doch ein Mensch? Jedenfalls nimmt sie quasi seit ihrer Geburt die Welt aus einer beobachtenden Fremdperspektive wahr. Mit einem Blick, in dem die Selbstverständlichkeiten der sozialen Konventionen, Familie, Schule, Freundschaften, Religion und all die anderen Dinge des Lebens nicht einfach so hingenommen werden können, sondern untersucht, befragt werden müssen. Hilfestellung gibt dabei ein vergilbtes Faxgerät, mit dem sie nicht nach Hause telefonieren, sondern faxen kann.
Die Weltsicht, die die Erzählerin so entwickelt, ist oft absurd, manchmal erhellend und immer tieftraurig. Ist sie doch nicht der kleine Prinz, erst recht keine Prinzessin, sondern die Tochter einer Alleinerziehenden mit allerlei Problemen, vorwiegend finanzieller Natur. So ist Adina von einer existentiellen, geradezu transzendentalen Einsamkeit und Verunsicherung geprägt. Also ein ganz normaler Teenager. Dieses Anderssein, ohne wirklich anders zu sein, bestimmt ihre Interessen an allem Außerirdischen, ihre rollkragenpullovrige Verehrung für Carl Sagan. Trost spenden dabei unerwarteter Weise der titelgebende Kosmetik-Discounter „Beautyland“ und die Musik von Philip Glass. Das Gefühl der Nichtzugehörigkeit – in aller sozialen Eingebundenheit und allem gesellschaftlichen Funktionieren – wird sie allerdings auch nach der High School nicht los. Nicht durch den Umzug aus der relativen Provinz eines Vororts von Philadelphia nach New York, nicht mit einem Job in der Buchhaltung, nicht mit Freunden und (asexuellen) Beziehungen. So bleibt der dritte Roman der Brooklyner Autorin und Literaturdozentin Marie-Helene Bertino (trotz der nie näher ausgeführten fantastischen, oder vielleicht eher magisch-realistischen Elemente) eine letztlich doch annähernd konventionelle Coming-Of-Age-Chronik einer ein wenig, aber wirklich nur ein wenig seltsamen Außenseiterin.
Der Roman ist also viel mehr Reflexion über Zugehörigkeit, gezwungene und gewählte Verwandtschaft als spekulative Science Fiction. Die Achtziger hier haben mit Stranger Things oder E.T. so richtig gar nichts zu tun. Kein Zufall also, dass Bertino eher mit literarischen Peers wie Tommy Oragne oder Kaveh Akbar assoziiert wird als mit Genreliteratur. Das Alien-Thema ist weit weniger originell eingearbeitet als erwartet, dennoch sind die Feinheiten dieses sowohl selbstgewählten wie auch von außen zugeschriebenen Außenseiterdaseins exzellent beobachtet, die grauschleierige Einsamkeitsmelancholie überaus kunstfertig erzählt.

Als wir Schwäne waren (Affiliate-Link)
Behzad Karim Khani – Als wir Schwäne waren (Hanser Berlin, 2024)
Die zehn, 15 verschiedenen Ausdrücke für Stolz, die es laut dem Erzähler von „Als wir Schwäne waren“ im Persischen gibt, sie haben kein Äquivalent in der deutschen Sprache, sind aber allesamt gekränkt und verraten vom Einwandererstatus im Bochumer Hochhaus/Problemviertel. Die Eltern waren im Iran Intellektuelle, in den Achtzigern vor dem Regime und der „Cholera-Armut“ in ein Deutschland geflohen, in dem ihre Abschlüsse nicht anerkannt und ihr gesellschaftlicher Status in der „Sozialwohnungs-Armut“ nach unten rutscht.
Der Sohn und Erzähler ist nicht bereit, das zu akzeptieren, hat aber kaum die Möglichkeiten, etwas zu ändern, weder ökonomisch noch emotional. Es bleiben demnach Wut und Kleinkriminalität, ein gerade so geschafftes Abitur und der unbedingte Wille es „denen“ zu zeigen. Zum Beispiel – im Gegensatz zu den meisten seiner Altersgenossen aus der Siedlung – durch weder tot sein noch in den Knast gehen, sondern Schriftsteller werden. Wie schon sein Debüt „Hund, Wolf, Schakal“ hat Behzad Karim Khani auch diesen Roman relativ nahe an seine eigenen (und definitiv ehemaligen) biografischen Details angelegt, aber keine Autofiktion geschrieben. Khanis sorgfältig gesetzten Worte, die lakonische Sprache von kristalliner Klarheit, bestätigt und widerspricht der oft selbst erniedrigend sarkastischen Unversöhnlichkeit seines Protagonisten zu ungefähr gleichen Anteilen. Es ist nicht wirklich trister Ruhrgebiets-Armuts-Realismus (aber schon auch irgendwie) und keine straßen-stressig-breitbeinige Gangster-Aufstiegs-Fantasie (aber doch auch ein klein wenig). Die Schönheit der Sprache und das Elend des dargestellten sind fein ausbalanciert. Dadurch bedient der Roman die Stereotypen der sogenannten „Migranten-Literatur“, unterläuft sie aber ebenso deutlich, beinahe zwangsweise. Was bleibt, ist die Literatur.

The Morningside (Affiliate-Link)
Téa Obreht – The Morningside (Weidenfeld & Nicolson, 2024)
Ist die Zivilisation erstmal ruiniert, kommen ganz ungeniert die alten Mythen wieder aus der Obskurität hervor und fordern ihren Tribut. In Téa Obrehts drittem Roman sogar ziemlich wörtlich. In einem postapokalyptisch pittoresk zerfallenden Luxushochhaus namens „The Morningside“, das auf einer Insel steht, die vielleicht einmal New York war, jetzt aber nur noch „The Island“ genannt wird, kommen zu der permanenten Bedrohung durch Hochwasser, Stürme und das absolutistisch regierende Amt für Umsiedlung und Populationskontrolle noch neue Manifestationen alte Mythen aus der bürgerkriegsversehrten alten Heimat.
Die wird nie beim Namen genannt. Ist aber offensichtlich irgendwo im Balkan, im zerfallenen Ex-Yugoslawien lokalisiert. Es kann aber ebenso die von einer Tante aus dem alten Land angefeuerte überbordende Fantasie der elfjährigen Erzählerin sein, die den seltsam zusammenhängenden Begebenheiten einen Rahmen gibt. Die Ungewissheit passt sehr gut zur Schreibweise Téa Obrehts, die mit ihrer spezifischen Neuerfindung des magischen Realismus vor zehn Jahren quasi über Nacht zum Literaturstar wurde. Im Ambiente des sowieso schon surreal bedrohlichen Luxusheims mit mürbe gewordenen stockfleckigen Marmorböden und goldenen Wasserhähnen, auf dessen Dach die zurückgekehrten Kraniche nisten, funktioniert die unterschwellig brodelnde Fantastik exzellent. So entwickelt „The Morningside“ als langsam abbrennender spekulativer Coming-of-Age Mystery-Thriller eine ähnlich halluzinatorische Entrücktheit wie etwa die jüngsten Romane von Jeff Vandermeer.








